Einmal ausatmen, bitte.

Dies war der Rundbrief kurz vor Weihnachten 2021, hier steht er als Nachtrag

So wie ich einmal im Frühling schrieb, dass ich diesen wundervollen Fliederduft in mich einziehe und eigentlich nur einatmen möchte, so möchte ich jetzt einmal ausatmen.

Viele Nachrichten, viele Meinungen, viele Gedanken, viele Aufgaben, viele Termine – puh – einmal ausatmen, bitte. Wir überfordern uns selbst.

So wie wir unsere Zeiträume füllen und immer mehr füllen und auch die Freizeit nicht mehr frei ist, so bringen wir uns mit unserer Fülle und Schwere auch in die Räume um uns herum. Wir suchen und beanspruchen Platz.

Hinter unserem Haus ist ein kleines Wäldchen, dort würden gerne Vögel leben, es würde dort gerne die Natur gedeihen. Aber es herrscht in den Familien, die angrenzend wohnen, eine zu hohe Katzendichte. Nachts streifen die Hauskatzen durch das Wäldchen und kämpfen um ihr Revier. Frühmorgens kommen Spaziergänger mit Hunden, professionelle Hundeausführer mit jeweils vielen Hunden und Gruppen von Menschen, die sich mit ihren Hunden zum Gang treffen, alle Hunde laufen frei, zu dritt/zu viert streifen sie durchs Unterholz. Kleine Schlängelpfade ziehen sich durch das Gehölz, auch Radfahrer nutzen die. Kinder bauen Höhlen, Anrainer entsorgen ihre Gartenabfälle und die Stadt fällt und sägt und schreddert. Vor einer Weile schon wurden Lampen entlang des kleinen Weges aufgestellt, die durch die Nacht leuchten. Mit Laubbläsern werden Teile des Wald(!)-weges freigemacht. Wir überfordern den kleinen Wald. Er ist ein Beispiel für das Geschehen um uns herum. Wir überfordern unsere Umgebung.

Wir sind einfach überaktiv.

Es fehlt der Freiraum. Und ich meine damit kaum einen weiteren Raum zum weiter-Befüllen. Fülle, Völlerei belasten uns in Wahrheit. Sondern ich meine einen Freiraum in Zeit und Umgebung, den wir in Ruhe lassen, den wir frei lassen.

Lasst uns doch mal ausprobieren, wie das ist, nichts zu tun. Noch nicht einmal Musik zu hören, keinen Film zu sehen, auch nicht zu lesen (ich, die ich gerade Tausende von Seiten lesen muss, kann Euch sagen, gerade möchte ich noch nicht einmal mehr lesen). Sogar davon kann man mal Pause machen.

Denn so ein Freiraum kann nun tatsächlich uns erfüllen, mit Ruhe, mit Frieden, mit Sicherheit, mit Kraft, mit Gesundheit oder einfach mit Freude am Dasein.

Ich kam neulich am Morgen herunter ins Wohnzimmer. Die Sonne schien herein, ansonsten herrschte Ruhe. Und ich spürte, dass der Raum mit Frieden gefüllt war. Ein unhörbares „Aaaah“ ergoss sich in den leeren, stillen Raum. Es war wunderschön: beruhigend, befriedend, entlastend, beglückend und wiederum dadurch erfüllend. Ich habe mich einfach nur hingesetzt und nichts getan, auch keinen Kaffee o.ä. geholt. Ich wollte diesen Moment nicht vertreiben, er musste auch nicht aufgewertet werden. Er war vollkommen und ich wollte einfach in ihn eintauchen.

Und dann, wenn wir wieder ausgeatmet, wieder aufgeatmet haben, können wir auch wieder mit Freude an das gehen, an das wir tatsächlich gehen wollen, wieder wollen, weil wir Pause haben durften.

Dann lesen wir wieder, aber wir sind sensibler geworden und wählen nun bewusst aus. Wir essen, aber nicht alles, wir wählen aus. Wir tun wieder, aber nicht alles, wir wählen aus. Das klingt nach Luxus und das ist es auch. Freiräume sind ein hohes Gut, sie bedeuten Genuss.

So lasst, wenn es hoffentlich gelingt, bitte auch diese Weihnachten Platz und Raum und Zeit.

Ich wünsche sehr, dass es Euch damit gut ergehen möge und Ihr erfrischt daraus auftauchen könnt.

Eine gute, frohe Weihnachtszeit wünsche ich Euch.

Cornelia Cornels-Selke

www.cornels-selke.de

www.delfinbotschaft.de