Wohin treibt der Protestantismus? – Auszug aus einer Seminararbeit

  1. Vorwort

Ich tauche mit dieser Hausarbeit über die Frage „Wohin treibt der Protestantismus?“ in sehr breit gefächerte Quellen, die für manches Seitenthema Material bereithalten würden. Jeden einzelnen Punkt hätte ich weiter und weiter vertiefen können und an mancher Stelle war ich versucht, dies zu tun. Die Grundlage meiner Arbeit, die fünf KMU-Befragungen, von denen ich im Folgenden die erste und die bisher letzte herausgegriffen habe, liefert sehr viel Stoff, um beispielsweise ein Referat, ein Seminar oder auch ein ganzes Buch über jede einzelne Erhebung zu schreiben. Z.B. hätte man sich für eine vertiefende Analyse der Ausgangslage stärker über die allererste Erhebung auslassen können, wie es in den Siebziger Jahren im Kirchenumfeld aussah und wie sich dies auf diese ersten Zahlen ausgewirkt hat (in der Retrospektive blickt man anders auf diesen Zeitraum, als man es damals hätte tun können). Es wären ein Referat, ein Seminar, ein Buch denkbar zu der Veränderung der jeweils vorgegebenen Antworten und genauso zu jeder Interpretation der Untersuchungen. Hier soll es wirklich um die Entwicklung/den Vergleich von 1972 und 2012 gehen, um von da aus schließen zu können. Dies hat meinen Blick auf die zu sichtenden Tabellen beeinflusst. Ich bitte zu entschuldigen, wenn ich mich insofern durch dieses weitläufige Thema nur sehr stichprobenartig hindurcharbeite, wenn auch möglichst ohne Scheuklappen gegenüber den auftauchenden Randthemen. Ich wäre froh, wenn meine Hausarbeit dazu anregt, selbst in die genannten Primärquellen zu schauen, um eine eigene Perspektive zu erlangen, und wenn sie außerdem dazu anregen könnte, grundsätzlich in Primärquellen zu schauen, statt sich auf die Behauptungen und Kommentare anderer Menschen, die Presse und Institutionen zu verlassen bzw. sich mit seiner Meinung an sie anzulehnen.

  1. Einleitung

Seit 1972 führt die evangelische Kirche im zehnjährigen Rhythmus großangelegte Studien bei ihren Kirchenmitgliedern durch. Sie möchte damit ein realistisches und differenziertes Bild – und zwar aus der Sicht der Mitglieder – von sich selbst erhalten. So sagt sie es in eigenen Worten in ihren Besprechungen über die Befragung.1

Seit 1992 werden die repräsentativen Untersuchungen und Befragungen außerdem auf Konfessionslose ausgedehnt.2 Dieses vertiefte Interesse rührt sicherlich daher, dass die Kirche auch außerhalb ihres Mitgliederkreises Informationen z.B. über den Glauben im Allgemeinen sammeln will. Es sind außerdem ehemalige Mitglieder, die die Kirche verlassen haben, in dieser neuen Gruppe zu finden. Man könnte hier also beispielsweise ergründen, warum sie ausgetreten sind. Ganz bestimmt auch sollen spätere praktische Entscheidungen der Kirche durch die Untersuchungen auf breiter Basis vorbereitet sein. Und die Ev. Kirche selbst sagt dazu, sie fühle sich durchaus verantwortlich für alle Menschen.3 Es scheint mir ein tieferes Interesse an dieser Gruppe zu bestehen, als ein bloßes „Über-den-Tellerrand-blicken“.

Hier vorliegend sind die allererste Untersuchung von 19724 unter dem Titel „Wie stabil ist die Kirche?“ und die neueste von 20125, die 2014 als Broschüre „Engagement und Indifferenz – Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis, V. EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft“ vorgelegt wurde. Hauptsächlich an diese beiden Untersuchungen halte ich mich bei meiner Arbeit, um den Bogen von der ersten bis zur vorläufig aktuellsten Untersuchung zu schlagen, obwohl in den Grafiken auch immer wieder andere Jahre dazwischen erscheinen, welche den Blick abrunden können.

Zu der letzten KMU gibt es außerdem seit 2015 von der EKD eine Aufarbeitung aus dem Gütersloher Verlagshaus mit dem Titel „Vernetzte Vielfalt“, die im Vergleich zu der 132-seitigen Präsentation der Ergebnisse 656 Seiten stark ist und nun diese Ergebnisse interpretiert.6

Als Einstimmung auf ein früheres Referat von mir zu diesem Thema, hatte ich zunächst im Internet nach Meldungen über die KMU geschaut. Dabei bin ich auf eine Meldung von „N24“ (zum Nachlesen siehe bitte im Anhang unter Punkt 9.3) und eine von „Die Welt“ gestoßen.7 Dies waren also die Meldungen, die die Suchmaschine8 als erstes hervorholte. Ihre jeweilige Deutung war sehr politisch ausgerichtet (schon im ersten Absatz erwähnt z.B. Matthias Kamann von der Zeitung „Die Welt“ die rot-grüne Politik9). Beide Artikel sehen die Entwicklung der Evangelischen Kirche überaus kritisch und somit großen Veränderungsbedarf für die EKD. Um noch einen anderen Eindruck bei meinem ersten Einstieg zu bekommen, las ich außerdem auf der Seite der EKD die dortige Pressemitteilung, die allerdings recht knapp gehalten war.10 Mit dieser Vorbereitung ging ich dann an die Primärquellen.

Ich muss vorab dazu sagen, dass das Lesen der Sekundärquellen für das Verstehen der Primärquellen, also der Zahlen selbst, kaum hilfreich war. Es wollte mir sozusagen den eigenen Blick verstellen. Andererseits machte es mir deutlich, nachdem ich dennoch einen eigenen Blick entwickelt hatte, wie schnell die Zahlen, je nach Ansatz des Interpreten, in äußerst unterschiedliche Interpretationen eingefügt werden können. Wenn ein Leser der allgemeinen Nachrichten es nicht schafft, sich vom Gelesenen soweit zu distanzieren, dass er einen kritischen Überblick behält, sind seine Meinung und sein Bild schnell durch das jeweilige Medium vorgeformt.

Dementsprechend werde ich im Anschluss an die Arbeit mit den Primärquellen und vor meiner eigenen Deutung zwei Artikel näher beschauen.

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  1. Eigene Überlegungen

Nachdem ich erstens die Untersuchungen beschaut, dann die Tabellen stichprobenartig1 und dann zwei Deutungen von Vertretern mit durchaus verschiedenem Hintergrund betrachtet und kommentiert habe, möchte ich nun ein paar eigene Wahrnehmungen zu der V. KMU und dem Wandel zwischen der ersten und dieser vorerst letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 2012 schreiben.Die Kirche ist also erkennbar ein Teil der heutigen Gesellschaft mit all den selben „ups and downs“.

Wir sehen im Wandel der Zeiten durchaus manchen Wechsel der Verbundenheit der Menschen zu ihrer Kirche, doch ist dies ein normales Wellenbild, welches wir quasi bei allen natürlichen Entwicklungen finden.4 Zur Zeit ist in den Tabellen, wie bereits erwähnt, im Vergleich zu 1972 eher die Tendenz zu einer stärker verbundenen Mitgliedschaft zu entdecken (siehe dazu Punkt 4.3).

Da dies in all den bisher genannten und bereits auch wiederholten Zwischenfazits deutlich wird, sehe ich, anders als die beiden vorher besprochenen Autoren, in dem Blick der Mitglieder auf ihre Kirche, ihrer Haltung zum Verbleib in der Kirche einen eher positiven Trend („Die Abnahme der absoluten Zahlen der Kirchenmitglieder hat also vorrangig mit dem demografischen Wandel zu tun.“ (siehe 3.2), „Im Vergleich zu 1972 haben wir 2012 ein stabileres Verbundenheitsgefühl.“ (siehe Punkt 4.3), „Auch 2012 möchte man, als Kirchenmitglied wie tatsächlich auch noch als konfessionslose Person, eine breite Fächerung der Aufgaben verfolgt sehen, ganz ähnlich wie 1972, teilweise sogar noch stärker.“ (siehe Punkt 4.5), „Ob man an Kirchenaustritt denke, wird 2012 also ca. doppelt so häufig wie 1972 mit einem Kopfschütteln beantwortet.“ (Siehe 4.6), etc. etc.).

Doch neben all diesem, was die letzten Seiten gefüllt hat, dieser Thematik über die Tendenzen der Mitgliederzahlen fort von der Kirche oder hin zu der Kirche, finde ich ein ganz anderes Phänomen in diesen Untersuchungen und dieses entdecke ich in den Fragen zum Blick in die Zukunft (siehe dazu Punkt 4.7). Wir kommen damit fort von dem Sprechen über die Quantität zu Gedanken über die Qualität der Kirchenmitglieder. Wir erinnern uns: „Kurzes Fazit: Die evangelischen Kirchenmitglieder haben sowohl Institutionen wie auch anderen Menschen gegenüber Vertrauen, in differenzierter Form, dies hat sich wahrscheinlich nicht wesentlich geändert gegenüber 1972. Im Vergleich zu den Konfessionslosen ist ein höheres Vertrauen zu beobachten, grundsätzlich und auch im speziellen. Wir entdecken, dass Mitglieder der evangelischen Kirche auch anderen Religionen gegenüber offener sind als die Konfessionslosen, dass Kirchenzughörigkeit bei der Evangelischen Kirche grundsätzlich also nicht dazu führt, dass man hier gegen andere Religionen ist, sondern mit der religiösen Vielfalt sogar besser zurecht kommt, also toleranter sein kann.“

Mit anderen Worten, ein Mensch, der glaubt, hat grundsätzlich mehr Vertrauen.5 Wenn man es so nebeneinander liest, klingt es sofort auch logisch. Doch hätte man, auch ein konfessionsloser Mensch selbst, vielleicht nicht von vornherein geglaubt, dass sowohl der Blick in die Zukunft, wie das Vertrauen in Institutionen, wie das Vertrauen in sowohl fremde wie bekannte Menschen jeglicher Konfessionen bei den Mitgliedern der Evangelischen Kirche höher ist, als bei den Konfessionslosen. Und dass anscheinend auch und genau dadurch bei ihnen ein höheres Engagement zu finden ist, was man heutzutage anerkennend Sozialkapital nennt. Kurze Erinnerung (siehe Punkt 4.8): „… können wir bei einem groben rechnerischen Überschlag folgendes Zwischenfazit abgeben: 1972 war das kirchliche Engagement der damaligen Kirchenmitglieder erheblich geringer und deren Vereinsengagement etwas geringer als 2012. 2012 war von den evangelischen Bürgern West- und Ostdeutschlands grob fast jeder Dritte in der Kirche engagiert. Die Kirchenmitglieder waren außerdem in nichtkirchlichen Organisationen engagiert und zwar grundsätzlich etwas mehr als Konfessionslose.

Und es hat eine gewisse Logik, dass Menschen mit einer gehörigen Portion Vertrauen, in andere Menschen, Institutionen und in die Zukunft, sich gerne engagieren. „No Future“ ist woanders, hier arbeitet die Meinung, es werde gelingen, also lohnt es sich, etwas zu tun“ (Punkt 4.8).

Das ist meiner Meinung nach ein wichtiger und auch hoffnungsgebender Befund: Wir haben mit den Mitgliedern der Evangelischen Kirche Menschen vor uns, die anscheinend ein festeres Fundament besitzen als andere, woraus sie mehr Vertrauen schöpfen (auch wenn die anderen das nicht ahnen) und die sich daraufhin mehr trauen, sich zu engagieren (sowohl in der Kirche wie in Vereinen etc.), deshalb echte Stützen für die Gesellschaft sind, woraus sich wiederum erwartungsgemäß eine bessere Zukunft entwickeln kann und somit wiederum ein positiver Blick in die Zukunft möglich ist. Sie haben damit gewissermaßen eine Spirale nach oben, zu einem guten Gelingen, entwickelt und nehmen, durch ihr Engagement in Zusammenschlüssen und Organisationen, andere auf dem Weg mit. Wir sehen hier einmal mehr, dass gläubige Menschen kaum lebensabgewandt (gewissermaßen heilig vor sich hin murmelnd) sind, sondern besonders anpackende Mitglieder der Gesellschaft.

Wenn wir also einmal zum Abschluss aller Betrachtungen der Qualität der befragten Kirchenmitglieder Raum geben, dann kommt man zu dem Schluss: Mit solchen Menschen kommt man erwartungsgemäß auch leichter durch turbulente Zeiten, was den Blick auf die Zukunft der Kirche durchaus entspannen kann. „Wohin treibt der Protestantismus?“, diese Frage lässt sich mit solchen Mitgliedern, die ihn gar nicht treiben lassen, sondern jeweils selbst bei einem guten Aufbau der Zukunft mithelfen, positiv beantworten: „In eine gute, lebendige Zukunft.“

1Anm.: Wie erwähnt, habe ich mich durch dieses weitläufige Thema nur sehr stichprobenartig hindurchgearbeitet. Sicherlich könnte man mehr und mehr untermauern. Jede einzelne Tabelle zu beschauen und zu beschreiben, hätte aber den Rahmen der Arbeit deutlich gesprengt.

2 Vgl.: Lohmann und Vilain 1.

3 Vgl.: Vilain 2, S.2f.

4 Vgl.: Isle Royale, Anm.: Zur Wellenbewegung in natürlichen Vorgängen vergleichen Sie bitte das 50 Jahre andauernde Projekt, das Gleichgewicht von Moose und Wölfen zu beobachten und zu dokumentieren, statt einzugreifen, auf der Isle Royale im Lake Superior in Michigan, USA, Isle Royale.

5Anm.: Auch ich setze hier zur Verdeutlichung kurzfristig Zugehörigkeit zu der Evangelischen Kirche gleich mit Glaube. Dazu ist anzumerken, dass wir bei den Konfessionslosen natürlich auch Menschen mit ähnlichem hohem Vertrauen finden, wie bei den befragten Kirchenmitgliedern. Sie können auch gläubig sein oder sie werden andere Wertekonzepte für ihr Leben haben, die sie ähnlich sicher tragen und vertrauen lassen. Es sind halt weniger Menschen bei den Konfessionslosen, die derartig vertrauen, als bei den Mitgliedern.

1Vgl.: KMU 2012, Schneider, Dr.h.c. Nicolaus, Bedford-Strohm, Prof.Dr. Heinrich, Jung, Dr. Volker; Vorwort, S. 2.

2Vgl.: Ebd., Einleitung, S. 4.

3Vgl.: Presse EKD/S, siehe Anlage Punkt 9.4.

4Vgl.: KMU 1972.

5Vgl.: KMU 2012.

6Vgl.: Vernetzte Vielfalt. Anm.: Dieses Buch habe ich nicht gekauft, sondern nur als PDF zur Verfügung gehabt (beide, die Broschüre im Druck und das Buch als PDF, habe ich netterweise von der EKD erhalten). Allerdings ließen sich aus dem Buch-PDF keine Kopien für diese Arbeit fertigen, da es stark schreibgeschützt ist, ich hätte höchstens Screenshots als Quelle mitgeben können, darauf habe ich (größtenteils) verzichtet. Daher findet sich im Anhang nur das Nötigste an Tabellen aus diesem Buch.

7Vgl.: Kamann, Welt. Anm.: „N24“ gehört zu „Die Welt“. Beide erwähnten Artikel wurden von Matthias Kamann geschrieben.

8Anm.: ich benutze Ecosia.

9Anm.1: Das genaue Zitat: Kamann, Welt: „Der Stimmungstest brachte ein klares Ergebnis: Debatten über die Lage der Kirche und über nötige Reformen sind interessanter als rot-grüne Politik.“ Anm.2: Ich berücksichtige im Weiteren vorrangig den Artikel Kamann, N24, da sich dieser gezielt mit der KMU beschäftigt.

10Vgl.: Presse EKD/M.