Ob ich denn wohl an Wunder glaube?

Hauptkirche Sankt Michaelis –   „Der Michel

Brief vom 27. Dezember 2019

Ob ich denn wohl an Wunder glaube? Diese Frage stand neulich im Raum.

Und ich fing an zu überlegen und zu merken, dass ich tatsächlich nicht meine, ab uns zu ein oder auch mehrere Wunder erlebt zu haben.

Sondern, dass es bei mir eher so ist, dass ich quasi ständig und immerzu Wunder in Aktion sehe.

Ich sitze zum Beispiel mit meinen Kommilitonen in einem Seminar:

Wir sitzen da und jeder atmet. Neben mir und auch in mir Blasebälge permanent in Bewegung. Sauerstoff wird eingeatmet dadurch, dass Atemmuskeln die Lunge weiten und durch Sog die Luft in die Lunge einströmt. Dort sitzen kleine Bläschen, die den Sauerstoff aus der Luft aufnehmen und an eine andere Seite, nämlich ins Blut abgeben. Im Blut heftet sich der Sauerstoff an die roten Blutkörperchen, die ihn irgendwohin in diesem riesigen Blutkreislauf bringen. Das Herz pumpt den Strom. In den Kapillaren löst sich der Sauerstoff von den Blutkörperchen und verabschiedet sich auch aus der Blutbahn und „krabbelt“, per Diffusion, genau dorthin, wo er von irgendeiner Zelle benötigt wird. Genau andersherum wird CO2 befördert. Dieser Stoff wird aus den Alveolen, das sind die kleinen Bläschen in der Lunge, zurück in die Außenwelt, ausgeatmet. Zusammen mit einem nicht verbrauchten Rest Sauerstoff.

Während die Zellen leben und der Körper mit dem Sauerstoff arbeitet, denken wir in unserem Seminar nicht darüber nach. Wir denken an andere Themen und diskutieren diese auch. Und obwohl der Raum gut isoliert ist, ist auch nach einer Stunde fleißigen Denkens und Atmens, der Sauerstoffgehalt nicht verbraucht. Er hat sich durch irgendwelche Ritzen und auch per Diffusion im Raum immer wieder aufgefüllt.

Wo kommt er her? Von Draußen. Tatsächlich, die frische Luft, die wir beim Lüften einlassen, entsteht da „draußen“, also, wenn da nicht gerade eine viel befahrene Straße vor dem Fenster ist, sondern auch Grün, lebendige Natur.

Über Jahrmillionen mussten die Pflanzen, die einzigen Lebewesen, die Sauerstoff herstellen, die Sauerstoffhülle um unseren Planeten aufbauen. Sie sind der Garant für unser Leben. Denn Tiere, Menschen (und auch alles, was der Mensch so an Gerätschaften hat, wie Autos und Industrie und Heizung) verbrauchen Sauerstoff und stellen nur CO2 und andere Gase her.

Wir teilen also in unserem Seminarraum die Atemluft miteinander. Was der eine ausatmet, atmet der andere ein, wenn wir die Fenster oder Türen öffnen, gibt es weiteren Austausch. In Wahrheit ist es immer noch dieselbe Luft, die auch Cäsar oder Napoleon eingeatmet haben, denn es ist in der Zwischenzeit kein Raumschiff gekommen und hat ein bisschen frische Luft auf unseren Planeten gepumpt. Die Pflanzen haben unsere ausgeatmeten Stoffe aufgenommen, gefiltert und in den ursprünglichen Sauerstoff zurück verwandelt. Es ist immer noch dieselbe Lufthülle um die Erde, allerdings gereinigt und gefiltert durch die Pflanzen.

Für mich ein Wunder nach dem anderen.

Da sitzen wir also und denken und lernen. Wo speichere ich diese Worte, diese Zusammenhänge? In Windungen, in Gewebeschlaufen, die wir Gehirn nennen. Das macht mich eigentlich fassungslos. Wie geht das? Das „Warum“ dahinter ist wiederum ein Extrathema…

Ich sitze in diesem Raum mit Studenten und Studentinnen aus den unterschiedlichsten Ecken Deutschlands, ja der Welt. Wir sind achtzehn Menschen, dazu unsere zwei Professoren, wir alle sehen einen Sinn in unserer Zusammenkunft. Dabei haben wir ganz unterschiedliche Ursprünge und auch unterschiedliche Ziele. Aber hier haben wir etwas gemeinsam und sprechen intensiv darüber.

Sprechen – ich will gar nicht erst anfangen und den Sprechprozess im Körper, im Zusammenhang mit dem Gehirn erläutern… So vieles muss funktionieren, damit dies gelingt.

Und ich, wieso studiere ich eigentlich, wie ist es dazu gekommen? Eine irre Geschichte aus Begebenheiten, die schließlich dazu geführt haben.

Und dann Theologie. Die Studenten sitzen hier, weil sie alle Theologie studieren. Weil vor vielen Tausend Jahren Botschaften in die Welt gegangen sind, die uns immer noch beschäftigen. Die uns immer noch einen weiteren Blick auf die Welt geben, als der Verstand alleine es schaffen könnte, obwohl der so vieles kann. Die uns immer noch Hoffnung geben können und zu Höherem als zu reinem Arbeiten, Essen, Schlafen locken wollen.

Es entstehen Freundschaften zwischen den Studenten und Studentinnen. Irgendwie sitzen in diesem Raum nicht nur Menschen gleichgültig nebeneinander. Sie mögen sich, einige mehr, andere weniger. Sie beschenken einander zu Weihnachten. Sie backen Kekse füreinander und die Professoren in dieser Stunde. Sie machen ihre schönsten Rezepte wahr. Um andere zu erfreuen.

Für mich ein Wunder.

Für jeden wünschen wir am Ende der letzten Stunde vor Weihnachten Gutes, denn wir glauben, dass es für Jede/n Gutes geben kann. Wo jemand vor Weihnachten noch Schweres erlebt hat, versuchen wir zu trösten. Wir wollen, dass es wieder bergauf geht für ihn oder sie. Auch hier gute Wünsche.

Ich staune.

Und ich freue mich! Sosehr über jeden Tag, über die Möglichkeiten in dieser Welt (auch über die Möglichkeit, diese Welt soweit zu erkennen, dass wir sie erhalten können). Ich staune über die Liebe in all diesem Geschehen.

Seht Ihr das auch?

Wonder-ful World!

Bitte genießt, soweit es möglich ist, Euer Dasein. Nehmt die schönen Seiten wahr und an und verteilt immer weiter. Immer, immer weiter. Wir alle leben davon, wir Menschen, die Tiere, die Insekten, die Pflanzen, jede Zelle, die Erde selbst.

Eine wundervolle Zeit für Euch, heute und an jedem Tag. Vielleicht lasst Ihr noch etwas an Weihnachtsgefühlen lebendig bleiben und tragt sie mit ins neue Jahr. Wäre doch schön, wenn es noch etwas weihnachtlich weitergeht…

 

Cornelia Cornels-Selke